Industriegeschichte - Wismut

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Vorm Verlassen des Geländes müssen alle Lastkraftwagen durch die Reifenwäsche.

Die letzten Reste der Wismut verschwinden

Aus Crossen kam der Stoff für 20.000 Atombomben

Zwickau/Crossen. Das Ende der Tristesse naht: Hinter grauen Resten russischen Stacheldrahtes bei Crossen spielt in diesen Tagen eines der letzten Kapitel der Wismutgeschichte in Sachsen. Bagger kratzen in fünf Meter Tiefe die Reste radioaktiv verseuchten Bodens zusammen, zertrümmern Fundamente der Wismutaufbereitungsanlage in Crossen.

Letzte Wismutzeugnisse in Sachsen verschwinden

Die letzten Zeugnisse der Erzwäsche Crossen verschwinden. Schwere Lkws fahren den verseuchten Boden und die Betontrümmer auf die Endlagerstätte für radiaktiv und chemisch verseuchtes Material in den nun fast trocken gelegten Schlammteich hinter Oberrothenbach. Vor der Abfahrt in Crossen werden die Reifen und die Chassis der Laster in einer Waschanlage neben der Mulde von radioaktiven Bodenresten gesäubert. Der Schlammteich, in den jahrelang die Reste der Erzwäsche eingelagert wurden, überdeckt das Tal, wo einst der Ort Helmsdorf stand. Seit über zehn Jahren läuft dort die Sanierung. Das radioaktiv verseuchte Wasser wird gesäubert und in die Zwickauer Mulde entlassen. Über den Schlamm wurden textile Matten gebreitet, darauf Haldenmaterial und Erde aufgeschüttet und eines Tages soll Wald darüber wachsen. In den letzten Jahren sind dort schon die Massen der „Crossener Alpen“, so nannte der Volksmund die Riesenhalde von Erzresten, die den Besucher von Zwickau jahrelang neben der alten Bundesstraße 93 begrüßten.

Aus Wismuterzwäsche wird wieder Muldenaue

Frank Wolf von der Wismut weiß: „Auch die 17 Hektar große Fläche zwischen Crossen und Mulde wird nach der Sanierung der Bevölkerung als Muldenaue als Erholungslandschaft zur Verfügung stehen. Dann sind Zäune und Stacheldraht Vergangenheit. Radioaktivität braucht niemand mehr zu fürchten“. Allerdings: Niemand darf dort jemals wieder tief graben, darüber wacht die Behörde. Für Jahrhunderte. Hinter der „Absetzanlage Helmsdorf“, so die offizielle Bezeichnung für den großen Schlammteich, der seit den sechziger Jahren als Lagerstätte diente, befinden sich noch kleinere Teiche: Die Absetzanlagen Dänkritz 1 und 2. Abgesperrt für die Öffentlichkeit hat sich an den dänkeritzer Teichen inzwischen eine Naturidylle entwickelt.

Erzwäsche in Crossen

Mit dem Bodenaushub neben der Zwickauer Mulde und der anschließenden Renaturierung der Fläche zur Muldenaue zwischen Fluss und Gemeinde Crossen schließt das Kapitel Erzwäsche Crossen bis Ende 2005.

120 Millionen Tonnen umgewälzt

Zwischen 1946 und 1990 wurden in Sachsen und Thüringen 1200 Millionen Tonnen Erz und Abraum aus dem Berg gefördert. Etwa 75 Millionen Tonnen wanderten durch die Erzwäsche in Crossen. Daraus wurde ein Großteil der 231000 Tonnen Uran, die von der Wismut in die Sowjetunion geliefert wurden. In Crossen wurde „Yellow Cake“ hergestellt. Das ist ein auf 60 Prozent Urangehalt angereicherter gelber Brei. Daraus wurde schließlich reines Uran für Sprengköpfe von Atomraketen gewonnen.

Bis zu 120000 Menschen beschäftigt

Zeitweise bis zu 120.000 Menschen verdienten in den Wismutbetrieben in Sachsen ihre Brötchen, viele bezahlten das mit ihrem Leben. Staublunge und Lungenkrebs sind die bekanntesten Krankheiten: 14592 Bergleute der Wismut erkrankten zwischen 1952 an der alten Bergarbeiterkrankheit Silikose, 5275 an Lungenkrebs durch ionisierende Strahlung.

Schneeberger Krankheit

Bis in die achtziger Jahre hieß das noch offiziell „Schneeberger Krankheit“. Die schon seit 1925 in der ersten Liste der Berufskrankheiten in Deutschland geführt. 5053 erlitten Schäden durch Überlastung. Zahlen aus der Zeit vor 1952 weist die Tabelle nicht auf. So weit die Statistik der Wismut. Diesem Schicksal ist kaum einer der Bergarbeiter, die in den fünfziger und sechziger Jahren der Wismut direkt vor Ort in den Bergwerken in Johanngeorgenstadt, in Schlema oder in Ronneburg Erz bohrten, sprengten und schaufelten, entgangen. Seit den 70er Jahren verschlechterten sich die geologischen und bergmännischen Bedingungen in allen Lagerstätten der Wismut.

Ergiebigkeit von 1 zu 1000

Aus einer Tonne Erz wurden schließlich ein Kilogramm Uran und 999 Kilogramm Haldenmaterial. Die Wismutchronik weist aus: Am Ende der Tätigkeit der SDAG Wismut betrug der spezielle Aufwand für Uran im chemischen Konzentrat im ersten Halbjahr 1990 385 M/kg, der Außenhandelspreis 65,97 transferable Rubel, etwa 340 Mark. Damit war das Ende des Uranbergbaus in Deutschland besiegelt.

Immer noch 20000 Atomsprengköpfe auf Lager

Schätzungen zufolge gibt es in Russland noch 20000 demontierte taktische Nuklearsprengköpfe. Hinzu zu zählen wären noch Depots mit schätzungsweise 1000 Tonnen hoch angereichertem Uran – genug für 20 000 Atombomben – sowie 160 Tonnen waffenfähiges Plutonium. Ein Großteil davon kam aus Sachsen und Thüringen. Die Reste deckt der Schlamm über den Dächern des verschwundenen Ortes Helmsdorf bei Oberrothenbach. Theo Stiegler

Bagger zertümmern im Winter 2004/05 die letzten Fundamente der Erzwäsche in Crossen, der Fabrik, wo aus dem Uranerz der "Yellow Cake", gewonnen wurde.

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Zu DDR-Zeiten verbarg sich hinter Stacheldrahtverhau das allgemein bekannte Geheimnis Wismut.

Vom Schlammteich ist im Winter nicht mehr viel zu sehen.

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