Jörg Metzner spielt König Kreon in Sophokles Tragödie „Antigone“ Premiere am 30. April 2009

Macht und Staatsräson kontra Liebe und göttliche Gebote



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Foto: Awtukowitsch

Hochmodernes Stück zeigt: 2500 Jahre sind ohne menschliche Weiterentwicklung verstrichen



Macht und Staatsräson kontra Liebe und göttliche Gebote


ZWICKAU, 30. April 2009 – Die Macht macht besoffen: König Kreon von Theben spreizt sich wie ein Gockel, und was könnte Machtbewusstsein besser ausdrücken als der sprichwörtliche Hahn auf dem Mist, der die Flügel hebt, die Beine streckt und anhebt ein kräftiges Kickericki in die Luft zu schmettern.
Jörg Metzner spielt König Kreon in Sophokles Tragödie „Antigone“, die am vergangenen Donnerstag im Zwickauer Gewandhaus Premiere hatte. Metzner gibt den vollendeten Gockel.
Menschengesetz und göttliche Ordnung, Willkür und Vernunft von Sophokles vor 2500 Jahren in Verse gesetzt, das Publikum erlebt die menschliche Tragödie wie heute. Kreon gebietet, dass sein getöteter Feind auf dem Schlachtfeld vor den Toren Thebens verfaulen soll, kein Mensch darf ihm Ehre erweisen, und wie es die göttliche Moral gebietet, dem Toten ein ordentliches Begräbnis bereitet.
Dass der Tote nun ausgerechnet der Bruder von Antigone, Catherine Janke,
der Tochter des verstorbenen Königs Ödipus ist, macht die Sache nicht einfacher. Antigone setzt sich selbsbewusst und selbstlos über die Anordnung von Kreon hinweg und erweist ihren Bruder die letzte Ehre, sie weiß genau, dass ihr Tun die Todesstrafe nach sich zieht.
Für Kreon ist das Verhalten der Frau reine Renitenz. Die Staatsräson gebietet ein Exempel. Nun scheint es: Die Exekution verleiht auch ein Gefühl Befriedigung. Der Vollzug der Todesstrafe ist nicht nur Notwendigkeit. Der Herrscher und seine Speichellecker spielen das gekonnt aus. Jörg Metzner gestaltet den Kreon eindringlich, er plustert sich gehörig auf. Auch seine Vasallen spiegeln Untertanengeist vom Feinsten wider, ganz so als ob Sophokles auch die letzten hundert Jahre in Deutschland hätte zeigen wollen. Vorrauseilender Gehorsam macht Bücklinge vor der Macht, KZ-Aufseher und Stasi-Zuträger, aber auch heutige Gerichtsdiener, die es für die Staatsräson als geboten ansehen, eine uneinsichtige Schwarzfahrerin aus dem Kinderbett heraus in den Knast zu stecken, oder wieder Aufsichtsratsvorsitzende, die mangelnden Respekt vor ihrer Großherrlichkeit mit Rausschmiss eines selbstbewussten Angestellten ahnen, Speichellecker und Möchtegerne begegnen dem Publikum in Form des Wächters, Michael Schramm, der eindrucksvoll den Lakaien spielt. Weniger als Chor und mehr denn als beschränktes, nachäffendes Volk erscheinen Ute Menzel und Dieter Maas.
Alles natürlich in feinsinniger Verpackung und gekonnt gespielt kommt die tausende Jahre alte Tragödie in der Inszenierung von Karl Georg Kayser überhaupt nicht alt daher. Eberhard Matthies hat die Akteure dazu in fast moderne Klamotten gesteckt.
Natürlich hat die Geschichte auch ihre unrealistische Seite: Kreon erlebt in Theben sein Debakel auf dem Fuße, und Mitleid mischt sich mit Schadenfreude. Die unbeugsame Härte des Potentaten wird in dem antiken Drama auf grausame Weise gerächt. Sein Sohn Heimon, Martin Ennulat, liebt Antigone. Für ihn ist Ordnung und Macht, Staatsräson und Gehorsam nur Schall und Rauch, die Geliebte ist in Gefahr, er bittet eindrucksvoll um Gnade, und als das nichts hilft, folgt er der Geliebten. Am Ende erkennt der einsame König zu spät, was er angerichtet hat. Soweit das Ende bei Sophokles.
Minutenlanger Beifall zeigt, die Stille in dem anderthalbstündigen Spiel im Zwickauer Gewandhaus war hochgespannte Aufmerksamkeit.
Leider blieben viele Premierenplätze leer. Schade, denn durch das aktuelle Theatergeschehen bestimmt, sollte die Vorstellung am 2. Mai, 19.30 Uhr im Gewandhaus in Zwickau auch schon die letzte sein.
Theo Stiegler

Ticket-Service im Gewandhaus 0375 27411 46 47 oder 0375 27411 46 48 und zur Theater-Website


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